Esemplare | „Digitalisierung ist ein Investment, keine Ausgabe“


Bevor Esemplare ins Leben gerufen wurde, haben Sie gemeinsam Pattern gegründet. Wie haben Sie beide sich gefunden und warum dann Esemplare?

Fulvio Botto: Wir arbeiten seit 1987 zusammen. Erst als Kollegen in großen Modefirmen, seit 2000 an unseren gemeinsamen Projekten. Also länger als eine durchschnittliche Ehe (lacht). Die Erfahrung im Bereich Modelling und Prototypen-Entwicklung bei großen Häusern haben uns bestens auf das Unternehmertum vorbereitet und Pattern schnell zu einem Marktführer in Sachen Schnittmuster und Produktion gemacht. 2014 hatten wir den Wunsch, in eine eigene Marke zu investieren und so kauften wir Esemplare. Zu Beginn war es ein reines Kreativlabor, in dem wir mit den neuesten Stoffen und Technologien experimentierten, ehe wir sie Kunden anboten. Vor zwei Jahren haben wir uns entschlossen, strategisch und langfristig eine Marke daraus zu machen, in sie zu investieren und sie sichtbar zu machen.

Was die Digitalisierung der Lieferketten und anderer Prozesse angeht, gehören Sie zu den Vorreitern. Was ist die nächste große Entwicklung?

Francesco Martorella: Wir haben früh in die Digitalisierung 4.0 investiert. Denn Digitalisierung ist ein Investment, keine Ausgabe. Wir haben seit zwei Jahren ein internes 3D-Team. Das hat uns einen enormen Vorsprung während des ersten Lockdowns verschafft, wir konnten ohne Verzögerungen unsere Kollektion präsentieren. Wir arbeiten stetig an der Transparenz und der Verbesserung unserer Lieferkette. Aktuell tüfteln wir an einem neuartigen Lagersystem, bei dem RFID-Etiketten eine tragende Rolle spielen. Doch nicht nur intern: Wir haben soeben eine Esemplare-Jacke kreiert, deren RFID-Etikett alle Infos vom Rohstoff bis zum Finishing enthält, eine Jacke mit integriertem Lebenslauf sozusagen. Ich glaube, dass diese Transparenz der gesamten Lieferkette bald von uns allen verlangt wird.

Esemplare ist bestimmt von Zukunft und Innovation, wie passen da Handwerk und italienische Modetradition dazu? 

Francesco Martorella: Wir sind sehr innovativ und haben futuristische Visionen, aber wir sind unserem Land und der handwerklichen Kunst sehr verbunden. Technologie kann viel, aber nicht alles. Wir verarbeiten keinen Stahl, sondern Stoffe und Fasern mit viel Leben und es gibt Dinge, die nur Hände machen können. Dessen sind wir uns bewusst. Wir unterstützen kleinere „eccellenze“ aus unserer Branche und investieren in diese Kleinbetriebe, wenn sie finanzielle Schwierigkeiten haben. Es geht darum, das Können und die Fertigkeit zu bewahren.

Fulvio Botto: Das ist für uns, aber auch für die Zukunft wichtig. Wir müssen dem Humankapital angemessenen Wert geben und diese Art von kleineren Unternehmen unterstützen, speziell jetzt. Wir müssen vereint bleiben, uns gegenseitig stärken, Know-how austauschen und aus Synergien profitieren.

style in progress | wo-men's fashion | Ausgabe #1|2021

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